Stellungnahme zur Studie Urbane Logistik / Wirtschaftsverkehr der Stadt Winterthur
Der KMU Verband Winterthur und Umgebung begrüsst, dass die Stadt Winterthur die Wichtigkeit des Wirtschaftsverkehrs für den Wohlstand der Stadtbevölkerung erkannt hat. Allerdings ist der Verband nicht überzeugt, dass die Stadt die Wichtigkeit des Wirtschaftsverkehrs bereits im vollen Umfang realisiert hat und die geplanten Massnahmen bereits in die richtige Richtung gehen.
Die vorliegende «Grundlagenstudie Urbane Logistik / Wirtschaftsverkehr Winterthur» ist ein gutes Zeichen, dass die Stadt sich bewusst ist, dass der Wirtschaftsverkehr für die Stadt einen wichtigen Nutzen erzielt. Die Studie zieht aus Sicht der Wirtschaft einige ganz wichtige Schlüsse:
- Die Studie anerkennt, dass beim Wirtschaftsverkehr ein grosser Teil nicht auf andere Mobilitätsformen umgelagert werden kann.
- Eine Mehrheit der befragten Unternehmen beurteilt die Stausituation auf den Haupteinfallsstrassen von Winterthur bereits heute als kritisch. Diese Feststellung bestätigt das Ergebnis der Verkehrsbefragung der Winterthurer Firmen aus dem Jahr 2024.
- Der Wunsch einer raschen Realisierung der Zentrumerschliessung Neuhegi-Grüze wird mehrfach geäussert. Die Gebiete Grüze und Hegmatten zählen zu den wichtigen Arbeitsplatzgebieten und sind bisher nur mangelhaft erschlossen.
- Die Studie schlägt vor, dass bei der Parkplatzverordnung geprüft werden soll, Parkfelder für den Güter- und Dienstleistungsverkehr zu definieren.
- Ferner sollen Bedingungen geprüft werden, wo für bestimmte Teile des Wirtschaftsverkehrs Busspuren freigegeben oder Abbiegeverbote aufgehoben werden können. Auch Ausnahmen bei Fahrverboten sind zu prüfen.
Die Studie birgt aber auch die Gefahr, dass sie falsch gedeutet werden kann. Die Wirtschaft befürwortet grundsätzlich die Schaffung von Veloschnellrouten, die Förderung des öffentlichen Verkehrs und andere Massnahmen, WENN damit Kapazitäten für den Wirtschaftsverkehr auf den Hauptverkehrsachsen geschaffen werden. Mit anderen Worten: Sämtliche Massnahmen zur Reduzierung des motorisierten Verkehrs sind nur sinnvoll, wenn der Wirtschaftsverkehr nicht mitbetroffen ist. Aktuell werden fast ausschliesslich Massnahmen umgesetzt, OHNE dass dabei die Verkehrssituation für den Wirtschaftsverkehr auf den Hauptverkehrsachsen verbessert wird.
Unvollständige Zählung des Wirtschaftsverkehrs
Die Studie stellt zwar fest, dass neben dem Güterverkehr auch der Dienstleistungsverkehr mit und ohne Waren ein Bestandteil des Wirtschaftsverkehrs ist. In der Verkehrszählung der Studie wird der Dienstleistungsverkehr in Pkw ohne Firmenbeschriftung aber nicht mitgezählt. Es wurden nur Lieferwagen, Lastwagen sowie Pkw mit Firmenaufschrift gezählt (vgl. Seite 50 der Studie).
Es gibt viele Fahrten von GeschäftsinhaberInnen, ProjektleiterInnen, BauführerInnen, VerkäuferInnen, Experten/innen… etc., die in einem nicht oder nur unauffällig beschriebenen Pkw mit wirtschaftlichen Zwecken unterwegs sind.
Der Wirtschaftsverkehr mit nicht angeschriebenen Pkw ist kaum zu identifizieren und daher sehr schwierig zu zählen. Trotzdem ist es wichtig, dass sich die Stadt bewusst ist, dass auch dieser Verkehr für die Wirtschaft von grosser Relevanz ist!
Es muss darum davon ausgegangen werden, dass der Wirtschaftsverkehr deutlich grösser ist, als die in der Studie gemessenen 25%.
Kritik an den Massnahmen
Fast alle von der Stadt Winterthur bisher getroffenen und zukünftig geplanten Massnahmen betreffen den gesamten motorisierten individual Verkehr (MIV) und behindern damit den Wirtschaftsverkehr.
Kapazitätsverringerungen z.B. durch die Reduzierung von Spurbreiten. Reduzierte Spurbreiten führen zu weniger Durchfluss und verringern so die Kapazitäten auf der Strasse generell – also auch für den Wirtschaftsverkehr.
Tempo 30: Die Tempo Reduktion betrifft sämtliche Verkehrsteilnehmer: den Privat-Verkehr, den Wirtschaftsverkehr und sogar den öV!
Kammern-Prinzip: Ohne eine Ringverbindung funktioniert ein Kammern-Prinzip nicht. Gerade der Wirtschaftsverkehr zwischen Seen und Töss würde durch ein Kammern-Prinzip extrem erschwert.
Fahrbahnhaltestellen: Diese stoppen sämtlichen Verkehr nach einem Bus. Ärgerlicherweise auch in Zeiten, wo eine Priorisierung des Buses nicht notwendig wäre.
Streichung von Parkplätzen: mit der Verringerung der Parkplatzkapazitäten und dem Verbot, dass ausserhalb von Parkfeldern generell nicht parkiert werden darf, wurde der Druck in den Quartieren erhöht. Damit wird es auch für die Wirtschaft (z.B. Handwerker) schwieriger, geeignete Parkplätze beim Kundenbesuch zu finden.
Der KMU Verband Winterthur und Umgebung ist mit der Einschätzung des Amtes für Städtebau nicht einverstanden, dass die Stadt verkehrspolitisch bereits auf dem richtigen Weg sei (vgl. Landbote vom 09.02.2026).
Verharmlosung der Auswirkungen
Der KMU Verband Winterthur und Umgebung stellt fest, dass die Auswirkungen der getroffenen und geplanten Verkehrsmassnahmen für die Wirtschaft oft als «verkraftbar» bewertet werden. Dies wäre in der Tat wohl richtig, wenn es sich um vereinzelte Massnahmen handeln würde. Die Stadt Winterthur plant jedoch, den motorisierten Individualverkehr bis 2040 auf dem gesamten Stadtgebiet auf die Hälfte zu reduzieren.
Weil bisher kaum Massnahmen geplant oder realisiert wurden, welche den Wirtschaftsverkehr von diesen Massnahmen ausnehmen würde, muss damit gerechnet werden, dass der Wirtschaftsverkehr auf dem Stadtgebiet massiv behindert wird. Es fehlen bisher Daten, welche die wirtschaftlichen Kosten der geplanten Massnahmen beziffern würde. Auch die vorliegende Studie liefert diese Antworten nicht.
Kostenfolgen Projekt Tösstalstrasse
Um eine Idee von der Dimension der wirtschaftlichen Folgen geben zu können, wird nachfolgend eine Kostenberechnung für das Projekt «Tösstalstrasse» berechnet.
Fahrzeugbewegungen: Gemäss zahlen der Stadt gibt es auf der Tösstalstrasse ca. 15’000 Fahrten pro Tag.
Anteil Wirtschaftsverkehr: Die Studie der Stadt kommt auf einen Wirtschaftsverkehrsanteil von 25%, misst allerdings nicht den gesamten Wirtschaftsverkehr. Wir gehen in der nachfolgenden Berechnung von 33% aus. Mit diesem Anteil gerechnet sind täglich ca. 5000 Fahrzeuge der Wirtschaft betroffen.
Zeitverzögerung: Die Stadt hat für den Bus eine Verlangsamung von 1 Minute pro Umlauf berechnet. Der Bus befährt die betroffene Stelle pro Umlauf zweimal. Dies ergibt für den öV eine Verzögerung von 30 Sekunden. Die Verzögerung für den Privatverkehr dürfte noch etwas grösser sein, weil der Privatverkehr bei Fahrzeughaltestellen zusätzlich blockiert wird. Für die Berechnung gehen wir trotzdem «nur» von 30 Sekunden aus. Bei 5’000 Fahrten für die Wirtschaft täglich macht dies einen Gesamtverlust von 150’000 Sekunden aus. Dies entspricht einem Zeitverlust von 2’500 Minuten oder 41.6 Stunden an einem einzigen Tag.
Kosten der Verlangsamung: Die Kosten der Verlangsamung setzen sich aus Lohnkosten, den Betriebskosten für das Fahrzeug und Lieferverzögerungen zusammen. Die vorliegende Berechnung berücksichtigt nur die Personalkosten und geht davon aus, dass nur eine Person im Auto sitzt. Als Stundensatz wird CHF 60.- eingesetzt, was als Mindestkostenansatz angeschaut werden darf. Es ist davon auszugehen, dass für etliche Wirtschaftsfahrten höhere Kostensätze realistisch sind! Jede Minute Verspätung generiert mit dieser Rechnung Kosten von 1 CHF.
Die Tempoverlangsamung auf dem Abschnitt der Tösstalstrasse kostet die Wirtschaft entsprechend mindestens CHF 650’000 pro Jahr (2’500 CHF pro Tag * 260 Arbeitstage). Auch wenn der Zeitverlust im entsprechenden Abschnitt klein ist, werden durch die hohe Anzahl betroffener Fahrzeuge daraus relevante Kosten.
Forderungen des KMU Verbandes
Der Wirtschaftsverkehr muss vom Reduzierungsziel ausgenommen sein. Die vorliegende Studie bestätigt, dass eine Umlagerung auf andere Mobilitätsarten kaum machbar sei. Darum darf das Reduzierungsziel von 50% für den Wirtschaftsverkehr nicht gelten. Eine Reduktion des Wirtschaftsverkehrs würde die Wertschöpfung in Winterthur darum sehr stark erschweren.
Den gesamten Wirtschaftsverkehr berücksichtigen: Wie aufgezeigt werden konnte, besteht der relevante Wirtschaftsverkehr nicht nur aus Fahrzeugen mit Firmenbeschriftungen. Der gesamte Wirtschaftsverkehr muss von Reduzierungsmassnahmen der Stadt ausgeschlossen werden, um wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden!
Alternativen für Pendler anbieten: Der Verband sieht die Notwendigkeit der Begrenzung des Pendlerverkehrs. Für Arbeitskräfte, welche aus schlecht erschlossenen ÖV Gebieten anreisen, braucht es gute Alternativen. Dafür sind Park & Ride Stationen am Stadtrand mit Anschluss an ÖV Hochleistungskorridore sinnvoll. Für Arbeitskräfte (z.B. Schichtarbeit, Bäcker… etc.), welche zu Arbeitszeiten ohne ÖV Verbindungen arbeiten müssen, muss die Anreise mit dem Pkw möglich bleiben und ein entsprechendes Parkplatzangebot vorhanden sein (z.B. Bewilligungen für die Blaue Zone).
Zonen für hohe Verkehrsvolumen einplanen: Es gibt Firmen, welche zur Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit, darauf angewiesen sind, dass sie für Kunden, Lieferanten oder Dritte erreichbar sind und/oder selber über eine hohe Mobilität verfügen müssen. Für solches Gewerbe sind besonders am Stadtrand und in der Nähe von Autobahnanschlüssen Zonen zu definieren, wo eine hohe Zugänglichkeit für den MIV gewährleistet ist und auch höhere Parkplatzkontingente möglich sind. Dies ist im Moment nicht gegeben. Die Stadt riskiert so die Abwanderung von entsprechendem Gewerbe.
Fazit
Verkehr ist eine Begleiterscheinung von wirtschaftlichem Erfolg. Verkehr darf nicht generell bekämpft werden, sondern muss intelligent gelenkt und optimiert werden. Dem KMU Verband Winterthur und Umgebung ist bewusst, dass auch die Wirtschaft in der Verantwortung steht, die negativen Folgen des Verkehrs mit nützlichen und nachhaltigen Massnahmen zu minimieren.
Damit die Winterthurer Wirtschaft auch in Zukunft mit innovativen Produkten und Dienstleistungen zum Wohlergehen der Bevölkerung beitragen kann, ist es von zentraler Wichtigkeit, dass der Standort nicht an Attraktivität verliert, indem der Wirtschaftsverkehr ausgebremst wird.